“Zwei Monate Arbeit für achtzig Sekunden Film”

Das Hamburger Designbüro Gudberg Nerger öffnet Geberit Türen bei einer Berufsgruppe mit hohen ästhetischen Ansprüchen – den Architekten. Auf sie zielt der aufwändige Animationsfilm von Agentur-Co-Gründer Jürgen Nerger. Er leitet damit die „Mehr Raum für Kreativität“-Kampagne grafisch aus dem blauen Geberit Quadrat her. Wie entsteht ein solcher Film?

Am Anfang jedes Films steht eine Idee, ein Grundkonzept. Es ist die Zeit der Sätze, die im Konjunktiv beginnen. „Wie wäre es, wenn…“, „Könnte man nicht“, „Müsste das nicht funktionieren?“… Wenn die Konjunktive weniger werden, wird aus der Idee ein Konzept. Und am Ende wird das Konzept ein fertiger Film. Bis es soweit ist, gehen viele Tage und Nächte ins Land, in denen wir probieren, planen, verwerfen und verfeinern. Wir, das ist ein Team aus Motion Designern, Musikern und mir, dem Regisseur.

Alle Jobs beginnen damit, meinem Gegenüber die Filmidee verständlich zu machen. Dafür brauche ich ein Verbalkonzept, das wie ein Drehbuch ohne Bilder erklärt, wie der Film später funktionieren soll. „Die Kamera nähert sich einem dieser weißen Cubes und fährt zielgerichtet auf die Mitte zu“, lautet ein solcher Satz, oder „Das Innere des Cubes leuchtet uns entgegen. Im Moment des Eintritts wird das gesamte Bild weiß überstrahlt, dann sind wir im Inneren.“ Ein Textdokument als Grundlage einer visuellen Entwicklung. So, als müsse man einem Fremden in einem Satz am Telefon erklären, worum es geht.

Im nächsten Schritt erstellen wir Styleframes, die dem Auftraggeber einen vorläufigen, aber präzisen Eindruck vermitteln, wie der Film am Ende ausschauen könnte. Dabei werden sehr repräsentative Ausschnitte aus den geplanten – aber noch nicht ausformulierten – Szenen gewählt und so gestaltet, dass ein detailliertes Bild in Farbe und Form entsteht.

Änderungen sind jetzt immer noch leicht möglich, doch schon mit dem Storyboard wird es ernst. Der ganze Film wird gezeichnet und in eine Timeline gebracht. Also was passiert wann? Auf die Sekunden genau. Am Ende steht die erste Abnahme durch den Kunden.

Danach kann das Modelling beginnen, ein Prozess, bei dem mit der Hilfe komplexer Software eine Rohfassung des Films in 2D- und 3D-Modellen entsteht. Um es in der Sprache der Architekten zu sagen: Der Rohbau steht.

Zeit für das Shading, bei dem die Artists, von einem Lead-Artist geführt, sowohl zeichnen als auch programmieren, um die 3D-Modelle realer wirken zu lassen. Sie bearbeiten die Materialeigenschaften wie Texturen, Farben oder Muster, um der Szene und den Charakteren oder Objekten mehr Komplexität zu verleihen.

Im Layout werden dann die Modelle in eine Bildsequenz gesetzt, um zu veranschaulichen, wie die Handlung einer Szene mit einer ausgewählten Kameraperspektive im Film wirken wird. Dazu reichen meist schon zwei, drei Sekunden.

Jetzt kommt Bewegung in den Film: Mit speziellen Programmen wird er per Animation in voller Länge zum Leben erweckt. Alle Szene, alle Schnitte passen schon, die Texturen der Gegenstände sind echt, ebenso wie das Licht, das im Animationsfilm ja vollständig erdacht werden muss. Die Animation ist der wesentliche Schritt im ganzen Prozess.

Beim Lightning werden dann Lichtquellen in die Szene eingefügt, um die Objekte und die Umgebung realistisch zu beleuchten und die richtige Stimmung zu erzeugen.

Eine Sekunde Film besteht aus 24 Bildern, die jeweils aus mehr als zwei Millionen Pixeln bestehen. Daraus lässt sich der Aufwand für einen rund achtzigsekündigen Film wie unseren erahnen. Jedes Bild wird einzeln animiert, jede Arbeit aus den Arbeitsschritten vorher muss auf jedes Bild angewendet werden. Die Rechner helfen uns dabei zwar mit dem „Auto-Conform“-Befehl, der ähnlich aufgebaute Szenen und Bilder automatisch generiert – doch längst nicht alles lässt sich automatisieren.

Die Arbeit an einem solchen Animationsfilm bindet neben der Arbeitszeit zweier Monate besonders viel Rechenkapazität beim Rendern des Videos, also bei der Ausspielung jedes Bildes in höchster Auflösung. Tagsüber wird gearbeitet, nachts machen zu Renderfarmen zusammengeschlossene Computer ihren Job. Änderungen sind jetzt kaum noch möglich – oder werfen das Projekt gleich um Tage, wenn nicht Wochen zurück. Ein qualifizierter Abstimmungsprozess ist deshalb unerlässlich. Jeder Animationsfilm hat seinen eigenen Point Of No Return.

Die Arbeit endet mit der Vertonung des Films. Ein Komponist arrangiert Musik, welche die Aussage und Ästhetik des Videos unterstreicht.

Der Kunde bekommt den Film dann abschließend in seiner finalen Version zur Endabnahme zu sehen. Ein bewegender Moment nach Nachtschichten und vielen leidenschaftlichen Diskussionen. Große Überraschungen gibt es dann wegen der engen Abstimmung in den Prozessschritten vorher zwar nicht mehr. Wenn aber der letzte Schnitt gesetzt und der letzte Ton der Musik verklungen ist, löst sich die Anspannung der vergangenen Wochen – und die Freude über ein gelungenes Werk überwiegt die Anstrengung für den Film.

Geberit Referenz-Magazin