"Wir brauchen ein neues Denken"

Bevor ein Gebäudekomplex in der Innenstadt hochgezogen wird: Wäre es da nicht schlau, noch mehr über die künftige Rolle des Gebäudes im Stadtbild nachzudenken – und darüber, was die Menschen, die in der Nähe wohnen, wirklich brauchen? 15 Jahre lange hat sie als Partnerin eines Hamburger Architekturbüros mit Projekten wie dem 25Hours Hotel Hafencity, dem DesignXport, den Facebook-Headquarters oder den Stadthöfen das Bild der Stadt geprägt. Vor drei Jahren beschloss Julia Erdmann, sich selbständig zu machen, um sich noch stärker auf das Fragenstellen zu konzentrieren. Sie gründete ihr Unternehmen JES als interdisziplinäre Plattform und berät jetzt Kommunen, Investoren und Bauträger bei der Herausforderung, Orte von der Stunde null an erfolgreich zu machen. Antworten liefert sie übrigens auch.

In Ihrem Büro steht ein mannshoher Stadtplan von Hamburg – auf dem Kopf. Warum?

Ich glaube, das sagt ziemlich viel über mich aus. Ich sehe mir das Bekannte immer auch anders herum an. Das führt zu völlig neuen Ideen.

Sie waren 15 Jahre lang als Architektin erfolgreich. Warum haben Sie vor drei Jahren einen neuen Weg eingeschlagen?

Im Laufe meines Wirkens als Architektin habe ich einen Bedarf entdeckt, und diesen Bedarf wollte ich decken. Immer, wenn ich als Architektin für ein Projekt verpflichtet wurde, waren wesentliche Entscheidungen des Projekts bereits gefällt. Meist nicht zum Besten. Ich hätte mir gewünscht, dass die Auftraggeber uns zwei Jahre vorher dazu geholt hätten. Dieser Gedanke ging mir immer wieder durch den Kopf. Und dem wollte ich folgen. Denn mein Verständnis von guter Architektur ist ganzheitlich. Es geht mir immer um den Ort. Das bedeutet, nicht nur die Hülle zu berücksichtigen, sondern immer auch den Inhalt und den städtischen Kontext. Was soll hier für ein Ort entstehen? Welche Geschichte soll er erzählen? Wie entwickelt er Lebendigkeit und Strahlkraft? Wenn Architektur Ausdruck unserer Gesellschaft ist, dann muss sie auch den Menschen betrachten, der als „social being“ Gebäude und Räume zum Leben erweckt. Das ist das Feld, in dem ich meine berufliche Zukunft sah.

Sie haben den Begriff der Socialtecture dafür erfunden. Was bedeutet der?

Socialtecture als Begriff drückt aus, dass es um ein neues Verständnis von Architektur geht. Es ist ein Kunstwort, das die Bereicherung der Architektur um die soziale Dimension beschreibt. Ich möchte im Umfeld hochkomplexer urbaner Fragestellungen Antworten für Stadtleben und Stadträume der Zukunft geben. Dafür habe ich JES gegründet, Julia Erdmann Socialtecture. Hinter Socialtecture verbirgt sich eine neue Haltung und eine neue Art des Bauens, Denkens und Miteinanders.

JES besteht aus einigen festen und vielen freien Mitarbeitern. Sind das alles Architekten?

Nein, gerade nicht. Ich habe JES bewusst als Plattform gegründet, um interdisziplinär arbeiten zu können. Zum Team gehören Expertinnen und Experten aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung, Mobilität, Kommunikation, Kultur, Technologie, Zukunftsforschung, um mal nur ein paar Disziplinen zu nennen. Ich verstehe Socialtecture als die Verschmelzung von sechs zentralen Gebieten der Architektur: Human Sciences, Social Sciences, Sociology, Responsibility, Space-making und Place-making. Anders gesagt: Wie ticken wir als Mensch, wie leben wir mit anderen zusammen? Wie entwickeln wir gemeinsame Ideen und wie setzen wir sie verantwortlich um? Wie entwerfen wir gute Räume und lebendige Orte?

Das ist ein sehr spezielles Geschäftsmodell. Wie machen Sie auf sich aufmerksam?

Ich mache keine Akquise. Alles ergibt sich. Ich erzähle, was mich bewegt und warum. Daraus ergeben sich die Aufträge für JES. Wir ziehen die Menschen an, die zu uns passen und auf der Suche nach einem anderen Blickwinkel sind. Ich spreche viel mit Menschen, die anderes Wissen, andere Erfahrungen und kulturelle Hintergründe haben als ich. Vor allem stelle ich Fragen und interessiere mich ehrlich für Menschen, für ihre Geschichten, Leidenschaften. Vorstellungen und Vorhaben.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Wir sind sehr vielfältig unterwegs. In Bremen zum Beispiel arbeiten wir an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Innenstadt und gestalten eine Firmenzentrale am Ende des Hafenbeckens, den Europahafenkopf. In beiden Projekten haben wir Ideenmeisterschaften durchgeführt, ein co-kreatives, interdisziplinäres Format, um Strategien und Ideen für die Nutzung und die Architektur zu entwickeln. Außerdem entwickeln wir gemeinsam mit den Kieler Nachrichten die KielHöfe. Dort ist aus der Ursprungsidee eines geschlossenen Campus ein offenes Hofkonzept entstanden, das durch Akteure der Kieler Stadtgesellschaft belebt wird. Parallel dazu erarbeiten wir co-kreative und kommunikative Formate für eine städtische Mobilitätsplanung und entwerfen für das Hamburger DESY Räume für neues Arbeiten.

Wenn es ein Architekturbüro gibt – wozu dann noch JES?

Es sind zwei verschiedene Aufgaben: Die Architekturbüros entwerfen die Hülle und wir den Inhalt. Wir entwerfen Umfeld und programmieren den Ort. Am Beispiel Bremen stellten sich zum Beispiel die Fragen: Wie gestalten wir ganz konkret die zwei fußballfeldgroßen Erdgeschosse, die bei dem Bau entstehen? Das Gebäude liegt in einem Teil des Hafens, den Passanten selten erreichen. Also sind wir dabei ihn zu beleben. Mit einem italienischen Restaurant, einem Eisladen, vielen Gelegenheiten, draußen zu sitzen. Über allem schwebte die Frage, wie wir diesen Ort nach Ende des Baus zu einem lebendigen Teil der Stadt machen könnten. Das klingt selbstverständlich, aber sehen Sie sich mal in neu geplanten Stadtteilen um, zum Beispiel in Hamburg. Ein lebendiges Stadtleben kommt nicht von alleine. Jemand muss sich darum kümmern.

Sie sind eine Art Zeremonienmeisterin der Architektur geworden. Was qualifiziert JES dafür?

Ich habe andere Antennen als die meisten Architekten. Wenn das JES-Team tätig wird, machen wir uns auf die Suche nach der „JES-ssence“. Es geht uns dabei zunächst nicht um ein einzelnes Objekt, nicht um die Hülle, sondern um die Frage, wie wir zusammenleben wollen. Darauf gibt es keine schnellen und einfachen Antworten.

Eingangs haben Sie erwähnt, dass Sie gerne Dinge auf den Kopf stellen. Was heißt das konkret für unsere Art zu wohnen?

Nehmen Sie das Beispiel Badezimmer. Wir glauben, alles darüber zu wissen. Meine These ist: Unser angebliches Wissen besteht zu großen Teilen aus Annahmen oder Zuständen, die sich eben im Laufe der Zeit ergeben haben. Jedes Nicht-Hinterfragen des Status Quo verhindert Innovation. Sehen Sie sich mal die Evolution des Badezimmers an. Auf dem Bauernhof früher gab es Brunnen, Plumpsklo und nicht viel mehr. Dann, in der Stadt, nutzten die Menschen Etagen- oder Hinterhofklos. In der Küche standen Waschschüsseln. Öffentliche Badeanstalten waren lange der einzige Ort für die breite Masse, um umfassende Körperpflege zu betreiben. Nach dem Krieg entstand dann das Bad, wie wir es heute kennen als Raum mit Badewanne, Waschbecken, Toilette und Heizung. Ganz funktional. Purer Pragmatismus steckt hinter diesem Konzept. Und was haben wir bis heute daraus gemacht? Klar, unsere Bäder sind größer geworden. Sie sind komfortabler, die Geräte sind leistungsfähiger. Aber im Kern haben wir das „Konzept Badezimmer“ nicht verändert.

Wie kann es anders aussehen?

Wir haben kürzlich im Rahmen eines Ideen-Sprints das Badezimmer ganzheitlich betrachtet. Zuerst haben wir Annahmen weggenommen und uns zum Beispiel gefragt, was wäre, wenn das Badezimmer kein Waschbecken hätte? Als wir derart unsere Köpfe geöffnet hatten, sprudelten die Fragen nur so aus uns heraus. Warum muss ein Bad eigentlich noch Fliesen haben? Braucht in einem Mehrfamilienhaus jede Einheit eine eigene Dusche? Wie wäre es, wenn Häuser und Wohnungen eine Schmutzschleuse am Eingang hätten, wo Matsch an den Gummistiefeln der Kinder abgespült wird und Hunde ein Bad nehmen können – und das dann eben nicht mehr im Badezimmer der Wohnung machen müssen? Warum kann der Kleiderschrank nicht neben der Dusche sein, wenn wir Hosen, Röcke und Pullover doch direkt nach dem Duschen brauchen? Und warum ignorieren wir in der Architektur so oft die Bedürfnisse von Kindern? Die Kleinen lieben Wasser, warum bauen wir ihnen nicht in der Wohnung einen Ort, an dem sie mit Wasser spielen können – ohne diesen Ort gleich Badezimmer zu nennen.

Haben sich diese Erkenntnisse auf Ihr privates Wohnen ausgewirkt?

Beim Renovieren unserer Wohnung bin ich im Badezimmer unter den Fliesen auf Dielen gestoßen. Ich habe sie abschleifen und versiegeln lassen. Warum auch nicht? Und dann gefiel mir eine Kommode in diesem Zimmer sehr, aus ihr habe ich einen Waschtisch gemacht. Meine Kinder sind schon größer, sie setzen das Bad nicht mehr unter Wasser, weshalb ich auch nicht so tun muss, als müsste ich täglich Pfützen aufwischen. Ich glaube, wir brauchen – allgemein gesprochen – nicht länger Zimmer, sondern Räume und Bereiche. Wir brauchen Nischen und Ecken, deren Gestaltung sich an der Tätigkeit orientiert, die wir darin ausüben wollen.

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