Das richtige VerhältnisLicht in der Architektur

Am Anfang einer Lichtplanung steht die Sonne und ihr Einfluss auf Mensch und Raum. So sieht es Innenarchitektin Mariana Theiling, die für den Projektentwickler ECE Einkaufszentren, Bürohäuser und Hotels mit gezielt gesetzten Lichtquellen inszeniert. Im Interview erklärt sie, wie wichtig dabei das Zusammenspiel zwischen Kunst- und Tageslicht ist.

Interview mit Mariana Theiling über Licht in der Architektur

Das richtige Verhältnis: Licht im Bad

Frau Theiling, Sie planen Licht für große Einkaufszentren – Orte, an denen es Menschen zuweilen schwindelig wird vor lauter Eindrücken. Wie sorgen Sie dafür, dass sich Besucher wohler fühlen?

Ich versuche, die Wirkung von Licht immer vom Raum aus zu denken: Wie tritt der Kunde ein und wie soll der Raum auf ihn wirken? Wo soll er hinschauen, was ist wichtig? Was lässt sich punktuell oder flächig besser inszenieren – und womit überfordere ich den Besucher? Im Eingangsbereich darf ein Besucher zum Beispiel nicht in ein schwarzes Loch fallen, hier muss es hell sein. In den Gängen braucht es dagegen Ruhe, also gedimmtes Licht. Früher lautete das Credo bei der Lichtplanung: Je mehr, desto besser. Große Ketten inszenierten sich in hellem, gleißendem Licht. Heute geht der Trend hin zu loungiger Atmosphäre und Wohlfühlzonen.

Bei der Planung stehen Sie im Wettstreit mit dem natürlichen Tageslicht, das sich seinen Weg durch Glasflächen im Dach, Fenster und Eingänge bahnt. Wie vereinen Sie das Natürliche mit dem Artifiziellen?

Das ist ein wesentlicher Punkt in der Lichtplanung. Ich arbeite immer in Abhängigkeit vom Lichteinfluss draußen. Morgens brauche ich Innen eine kühlere Atmosphäre als abends, wenn es draußen dunkler wird – dann wird auch das Licht Innen dunkler. Die Lichtsteuerung funktioniert über Sensortechnik mit insgesamt vier Lichtszenen: Sonnenlicht, bedeckter Himmel, Dämmerung und Nacht. Der Sensor misst dabei die Außenbeleuchtung und übermittelt den jeweiligen Wert. Zeitgleich passt sich das Kunstlicht im Inneren an die Verhältnisse an. Innenbereiche die weniger Tageslicht bekommen als andere – zum Beispiel Zonen zwischen zwei Lichthöfen oder Untergeschosse – werden mit Kunstlicht stärker beleuchtet. Zu viel Tageslicht schadet auch: es stört die Wahrnehmung der Schaufenster und schadet den Waren. Daher wird der Einfall überprüft und so dosiert, dass keine unangenehmen Blenderscheinungen auftreten oder die Schokolade beim Konditor schmilzt. Ziel ist ein gutes Zusammenspiel zwischen Tages -und Kunstlicht.

Sie haben die futuristische Shopping Mall MyZeil in Frankfurt mitgestaltet – vor welchen Herausforderungen standen Sie bei der Lichtplanung z.B. im WC-Bereich?

Das war spannend, weil wir hier verschiedene Themen inszenierten. WCs in Shoppingmalls werden heute zu Anziehungspunkten, in denen der Kunde sich mit allen Sinnen wohlfühlen soll. Diese Orte sollen im wahrsten Sinne des Wortes Geschichten erzählen. Ein Thema für Männer war zum Beispiel “Feuerwehr”. Mit der Firma Envy aus Frankfurt wurde hier ein Film entwickelt, der eine Feuerszenerie über den Urinalen abbildet. Bei Benutzung wird das Feuer gelöscht. Solche Spielereien sind etwas Neues in den Konzepten unserer Kreativabteilung und die Umsetzung ist schon eine Herausforderung. Ein anderes Thema war “Tresor”, in Anlehnung an das Bankenviertel in Frankfurt. Vor den Urinalen sind Glasvitrinen angeordnet, in denen Goldbarren liegen. Die in den Regalböden integrierten mattierten Glasscheiben wurden mit LEDs eingespeist und inszenieren die Barren in glänzenden warmen Tönen – als wären sie echt.

Auch die Waschbereiche stellen eine Herausforderung dar – wie sind Sie hier vorgegangen?

Dort haben wir die funkelnden Mosaikwände mit brillanten, in der Decke kaum sichtbar integrierten Downlights herausgearbeitet. Hier sind die Spiegel hinterleuchtet, werfen so keine Schatten auf die Gesichter und sorgen für eine Grundhelligkeit im Raum. Spots haben den Nachteil, dass sie starke Schlagschatten werfen und die Kunden älter aussehen lassen. Das genaue Austarieren zwischen einer diffusen Grundhelligkeit und brillantem, inszenierendem Licht ist eine Herausforderung, die mir sehr viel Spaß macht. Man kann damit den Raumeindruck wesentlich beeinflussen.

Welche Geschichte erzählen Sie auf den Damen-WCs?

Dort geht es um das Thema Orangerie: Die aus Spiegelwänden bestehenden Toilettenblöcke stellen die typischen Pavillons in Zitronengärten dar. In den Profilen dieser eingestellten Pavillons sind Lichtlinien integriert, welche die Decke indirekt aufhellen. Auf hinterleuchteten LED-Wänden sieht man einige Zitronenbäume – die Decke zeigt einen angedeuteten Himmel, der neutral weiß angeleuchtet den Raum aufweitet. Nach unten hin strahlen unauffällig, in Fugen untergebrachte Leuchten ein warmes Licht ab, so dass die Haut des Besuchers eher rosig und gesund wirkt. Ein bisschen wie ein Sommertag fühlt sich der Toilettenbesuch an. Das sinnliche Shoppingerlebnis ist übrigens auch ein klares Abgrenzungsmerkmal vom Onlinehandel. Es soll in Erinnerung bleiben und vom Besucher weitererzählt werden.

Lässt sich der Effekt einer guten Lichtplanung messen?

Durchaus, nach Neugestaltungen in den Centern gibt es häufig den Kommentar der Besucher „es ist schön hell“, oder „die Atmosphäre ist angenehm“. Je länger und lieber sich die Kunden aufhalten, desto besser ist unser Konzept, auch das Lichtkonzept. Wirklich messbare Auswirkungen hat das Licht aber auch und dazu gibt es viele Studien, zum Beispiel unter dem Stichwort HCL (Human centric Lighting). Der Circadiane Rhythmus, also der Schlaf-Wach-Rhythmus wird wesentlich durch das Licht beeinflusst. Der Körper produziert wichtige Hormone wie Cortisol – das macht wach – und Melatonin, ein Schlafhormon. Zu wenig Licht kann Depressionen und Schlafstörungen fördern, zu viel bereitet einigen Kopfschmerzen. Licht beeinflusst die innere Stimmung enorm.

Für Investoren bleibt die Idee vom perfekten Licht in den Anfangsphasen eines Projektes noch abstrakt. Auf welche Weise bringen Sie ihnen Ihre Vision nah?

Vor 20 Jahren arbeiteten wir noch mit echten Modellen: ein Ausschnitt der Mall wurde in einen künstlichen Himmel gestellt. Dort konnten wir Sonnenlicht im Tagesverlauf gut nachstellen. In das Modell ließ sich dann tatsächlich der Kopf reinstecken und das Licht sinnlich nachfühlen. Außerdem wurde eine Achse der Mall mit sämtlichen Materialien und Beleuchtung bemustert. Das war alles sehr kostenintensiv und aufwändig. Heute können wir Lichtverhältnisse mit Computersimulationen sehr gut nachstellen, Materialien und Sonderleuchten werden aber nach wie vor eins zu eins im Muster überprüft.

Wie würden Sie mit kleinen Räumen wie Bädern umgehen? Auch ein Bad unterliegt den sich wandelnden Lichtverhältnissen zwischen Morgen und Abend, Sommer und Winter…

Das stimmt, ich würde auch hier ähnlich wie in einer Mall vorgehen und das Licht im Inneren dem Tageslicht anpassen. Ideal wäre ein Licht im Bad, das am Morgen erst dunkler und dann langsam, so nach dem Duschen, immer heller und kühler wird ¬– wie ein Prozess des Aufwachens. Dabei darf man auf keinen Fall geblendet werden, also direkt in ein Leuchtmittel schauen. Ein hinterleuchteter Spiegel oder ein Licht, das aus Wandnischen heraus den Raum aufhellt, ist eine ideale Grundbeleuchtung. Ein bodennahes Licht kann am Abend und in der Nacht als Orientierung dienen und den Raum zusätzlich inszenieren. Je nach Materialien kann man dann noch Glanzlichter setzen.

Welches Licht geht gar nicht für Sie?

Ich mag kein grelles Leuchtstofflampenlicht, das freistrahlend in jeden Winkel des Raumes dringt. Das ist aber eine Geschmacksfrage, die sehr mit der eigenen Herkunft zu tun hat. In südlichen Ländern empfinden viele Menschen grelles Kunstlicht als angenehm kühlend. Das wirkt auf jemanden aus dem Norden, der sich nach Wärme sehnt, natürlich ganz anders.

Und was ist das beste Licht?

Kerzenlicht. Das ist für mich immer noch das schönste Licht. Das rötliche Glimmen lässt sich mit künstlichen Lichtquellen kaum imitieren. Das ist noch niemandem gelungen. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

Geberit Referenz-Magazin

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