Virtuelle AusstellungsweltenKunst verkaufen in Zeiten der Krise

Es ist eine veränderte Welt in der wir leben. Das betrifft alle Branchen – auch den Kunsthandel. Wie gehen nun eigentlich Galerien und Ausstellungsmacher mit den großen Herausforderungen um, die an uns durch die vielen Einschränkungen im Handel gestellt werden? Ein Gastbeitrag von Jörg Heikhaus aka Alex Diamond.

Ein Kunstwerk ist und bleibt ein Produkt des persönlichen Erlebens. Zu vielschichtig ist das Zusammenspiel und die Wirkung von Materialien und Farbe und Struktur, selbst in einer reduzierten Zeichnung, als dass man ein Werk komplett erfahren kann, ohne es direkt vor sich zu sehen. Aber auch schon vor Corona war es nicht möglich, jede Arbeit im Original betrachten zu können. Das Internet, allen voran soziale Medien wie Instagram, haben die Welt auch für die Kunst klein gemacht, und nahezu jeder Künstler und jede Galerie buhlen um die Aufmerksamkeit durch „Likes“ und „Followers“ eines Milliardenpublikums, das komfortabel vor dem Bildschirm entscheiden kann, was es gut und was es weniger interessant findet.

Allerdings sind dies nur flüchtige Erscheinungen, ein Doppelklick zum Beispiel auf ein aufwändig produziertes Repro eines gemalten Bildes auf dem Smartphonedisplay wird zu einem Herzen, zu einem Like also, innerhalb nicht mal einer Sekunde, was die Frage nach dem Wert dieser Einschätzung des Kunstwerks stellt. Es ist dabei auch vollkommen gleich, ob ein Repro professionell aufgenommen oder nur schnell mit der Handykamera im Atelier geschossen wurde, es zählt allein die Aufmerksamkeit, die man in einem kurzen Moment beim Betrachter erreichen kann.

Ein gut gemachtes Portfolio auf der eigenen Website kann da schon mehr Details, mehr Tiefe und auch Hintergrund bieten, doch auch hier ist man zunächst noch weit davon entfernt, den online gemachten Kontakt in ein mögliches Geschäft zu wandeln. Denn darum geht es ja auch – Kunst ist eben auch ein Business, mit dem Künstler*innen und Galerien ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Klar, nicht jede Kunst will oder kann käuflich sein, die meiste aber ist es natürlich schon. Das mag unromantisch klingen, aber wenn ein*e Künstler*in ihre bzw. seine Bilder in einer Galerieausstellung zeigt, soll eben am Ende auch die Arbeit bezahlt werden, die sich beide gemacht haben, und auch die nächste Ausstellung wird nur möglich, wenn genug Geld verdient wird, dass beide weitermachen können.

Nun ist es traditionell immer noch der sicherste und auch einfachste Weg, Kunst in Galerien oder auf Kunstmessen zu zeigen und dort im direkten Kontakt mit den Kund*inn*en zu verkaufen. Galerist*inn*en sind im Grunde nur Verkäufer, die ihr Produkt ebenso gut vermarkten müssen wie andere Händler auch. Das funktioniert hier durch die ganz besondere Note, das individuelle Charisma der Person, was schon so etwas wie die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Karriere in unserer Branche darstellt, mehr vermutlich sogar, als dies in anderen Verkäuferberufen notwendig ist. Da kann das Internet nun mal einfach nicht mithalten.

Nun ist quasi über Nacht dieser Teil unseres Jobs zu einem großen Teil weggebrochen. Mal abgesehen davon, dass es überhaupt sehr schwer ist, in einer wirtschaftlichen Krise das Luxusgut Kunst zu verkaufen, so haben nun alle Galerien das gleiche Problem: wie erreiche ich potentielle Käufer*innen auch online, um nicht pleite zu gehen?

Der gute Instagram- oder Facebook-Auftritt hilft nun nicht mehr wirklich, außer für die reine Markenbildung. Auch die virtuellen Führungen und Live-Streams sind in der plötzlich auftauchenden Masse nicht mehr zu unterscheiden oder vernünftig wahrzunehmen. Wenn alle Galerien nun ihre eigenen Mini-TV-Shows machen und Podcasts produzieren wird nur ein weiterer Grad der Übersättigung erreicht und leider immer noch kein Bild verkauft.

Was am Ende mehr Sinn macht und sich auch stark entwickelt hat in diesen Monaten sind virtuelle Ausstellungsräume und komplette E-Commerce-Lösungen. Die eigenen Räume als erfahrbaren 3-D Nachbau können sich kleine Galerien meist nicht leisten, die großen Ausstellungshäuser und Messen aber nutzen diese Möglichkeit bereits verstärkt. Aber schon die Präsentation der Kunst online, in gut gemachten Portfolios oder noch besser mit sogenannten „Online-Viewing-Rooms“, in denen man nicht nur in die hochauflösenden Kunstwerke reinzoomen, sondern diese auch in einem exemplarischen Raum sehen kann, was für ein Verständnis der Größenverhältnisse wichtig ist, hilft die Kundschaft durch eine andere Form der Interaktion zu binden. Auch erschließen sich nun internationale Märkte, die man zuvor nur durch Messeauftritte erreichen konnte. Man kann dann auch soweit gehen, dass man diese Kunst auch per Mausklick gleich online kaufen kann, was aber zunächst neue Fragen aufwirft – zum Beispiel in Bezug auf das Widerrufs- und Umtauschrecht oder den Versand, der sich nicht so leicht pauschal berechnen lässt. Je nach Größe, Gewicht und vor allem Empfindlichkeit der Kunst müssen zum Beispiel eigene Transportkisten angefertigt werden.

Bei heliumcowboy sind wir diesen Weg gegangen, mit eigener Online-Galerie, in der man die Bilder tatsächlich auch gleich kaufen kann. Das klappt soweit auch, geht aber natürlich schleppend und ist kein Vergleich mit dem persönlichen Verkaufsgespräch in unseren Räumen. Die größte Hürde bleibt, wie eingangs geschrieben, dass nur ein kleiner Teil der Sammler bereit ist, die die Kunst quasi ungesehen zu erwerben.

Das ist nochmal eine ganz andere Dimension bei Auktionen, die ganz stark von der Stimmung unter den Bietern im Publikum leben. Ich habe mich hierzu mit Jörn Wiemann-Huschi-Huschi unterhalten*, der die Auktion bei der jährlich stattfindenden Millerntor Gallery im Stadion des FC St. Pauli organisiert, bei der Kunst für die Projekte von Viva con Agua versteigert wird. Dieses Jahr hätte die Millertor Gallery eigentlich ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Doch die Großveranstaltung, ein Highlight der Hamburger Kultur im Sommer mit Konzerten, Lesungen und einer riesigen Kunstausstellung, zu der tausende Besucher strömen, wurde natürlich auch bereits im März abgesagt. Die Auktion am Vorabend der Vernissage ist immer ein enorm wichtiger Faktor für die Höhe der Spenden. Und nun?

Die virtuelle Auktion

„Weil es gerade jetzt ganz besonders wichtig ist, Gelder für die Projekte von Viva con Agua zu sammeln, haben wir uns bereits Anfang April überlegt, eine virtuelle Auktion zu machen,“ erzählt Jörn Wiemann-Huschi-Huschi im Gespräch. Die technische Umsetzung war eine Herausforderung, aber am Auktionsabend klappte alles immerhin so gut, dass jedes der 24 zu versteigernden Werke verkauft wurden und eine Spendensumme von über 35.000 € zusammenkam. Zwar ist die Endsumme geringer als in den Jahren davor – bieten war nun auch anonym und eben nicht geprägt von der Dynamik im Saal. „Man kann so eine Auktion einfach nicht nachbauen, es fehlt die Interaktion und vor allem diese besondere Atmosphäre im Millerntor Stadion. Man kann untereinander halt nicht sehen, wer da gerade bietet und eben mal schnell noch die Hand heben und einen „Battle“ zu starten war nicht möglich.“

Ein anderer Faktor für die niedrigeren Erlöse ist bei dieser Auktion aber der gleiche wie bei den Online-Shops der mittelständischen Galerien: Da es noch keine ausreichenden Erfahrungen zum Online-Verkauf gibt sind die im Internet angebotenen Werke meist nicht zu hochpreisig. Wir sind noch in einer Art Erprobungsphase, das bestätigt auch Wiemann-Huschi-Huschi: „Welche Arbeiten kann man überhaupt nehmen und soll man „vorsichtig“ sein bei der Auswahl in Bezug auf den Galeriepreis?“ Die Hürden versucht der Markt noch niedrig zu halten, um ein Online-Geschäftsmodell anzukurbeln, das im Gegensatz zu den meisten anderen Branchen in der Kunst für alle Beteiligten noch nicht selbstverständlich ist.

Aber auch in der wirklichen Welt sind web-basierte Lösungen für Galerien nun essentiell geworden. Allen voran: Buchungstools für Termine. Bei heliumcowboy haben wir so bereits am 30. April, kurz nachdem Galerien unter strengen Auflagen wieder öffnen, aber noch keine Vernissage feiern durften, eine erste Ausstellungseröffnung der anderen Art durchgezogen: In einem Kalender auf unserer Website konnte man sich für einen von jeweils 3 Plätzen pro halbe Stunde eintragen. Am Ende waren wir ausgebucht und hatten so immerhin 60 Vernissage-Gäste – weil wir auch die Veranstaltung selber auf insgesamt 10 Stunden ausdehnten, von 10 bis 20 Uhr gaben wir sehr individuelle, persönliche Führungen – mit Abstand und Maske, selbstverständlich.

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