Hausgemachter Humor Die verrückten Gebäude von Alex Chinneck

Werk von Alex Chinneck

Der britische Künstler Alex Chinneck erweitert die Architektur um die Kategorie »lustig« und baut skurrile Häuser im öffentlichen Raum.

Ein Gastbeitrag von Dave Großmann.

Architektur kann so ziemlich alles sein. Klobig, leicht, futuristisch, traditionell, herausfordernd, manchmal auch überfordernd. Doch in den allerseltensten Fällen ist Architektur lustig. Warum auch? Gebäude haben viele Aufgaben zu erfüllen, dennoch sie sind wohl kaum dazu verpflichtet, uns auf amüsante Weise zu unterhalten. Doch was wäre die Welt für ein langweiliger Ort, wenn sich niemand auf diese Art von Humor einlassen würde? Glücklicherweise fühlen sich viele Künstlerinnen und Künstler in genau diesen Grauzonen zu Hause und erweitern unsere Realität – und damit die Architektur – um die verrücktesten Ideen. So auch Alex Chinneck, ein junger britischer Künstler, der die Architektur wortwörtlich auf den Kopf stellt.

Werk von Alex Chinneck

Chinneck stiftet professionell Verwirrung. Man könnte meinen, er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, kindliche Fantasie wahr werden zu lassen. Mal verknotet er tragende Säulen, ein anderes Mal stellt er Hochspannungsmasten auf den Kopf oder entkleidet ganze Hausfassaden mittels übergroßer Reißverschlüsse. Der Künstler konfrontiert seine Mitmenschen mit absurden, comichaften Situationen – genau dort, wo sie es am wenigsten erwarten. Chinnecks Arbeiten ploppen in der Tristesse des öffentlichen Raums auf. Wie eine Sensation reißen sie die Leute aus ihrem alltäglichen Treiben und bringen sie zum Staunen. Seine Kunst ist für alle gedacht. Und passt gerade deshalb weder in eine Schublade, noch in eine Galerie. Ständig schwingt sie zwischen Street Art, Konzeptkunst, Installation, Skulptur und Architektur hin und her. Entgegen vieler Beispiele zeitgenössischer Kunst sind seine Arbeiten alles andere als verkopft. Im Gegenteil: Sie sind leicht zugänglich – und jedes Kind versteht den Witz.

Werk von Alex Chinneck

Denn der Trick ist: es braucht keine Täuschung. Die verrücktesten Situationen werden mit viel Aufwand tatsächlich produziert. Er benutzt keine Kulisse, die vorgibt etwas zu sein – sondern baut die Gags mit klassischen Materialien. Bis hin zu gebogenen Fensterscheiben, die speziell für seine Ideen angefertigt werden. Umgesetzt wird das Ganze von Produktionsfirmen, die seine Vorhaben unterstützen wollen, von Ingenieuren und allen notwendigen Gewerken. Oftmals arbeiten mehr als 100 Menschen über viele Monate an seinen Projekten. Letztlich ist man fasziniert, dass die fertigen Installationen völlig mühelos erscheinen.

So auch in seinem ersten großen Werk. Hier setzte er 312 manipulierte Fenster in die Fassade eines alten Gebäudes. Der Clou: alle Scheiben waren auf die exakt gleiche Weise zerbrochen – wie eine Anomalie, ein rätselhafter Unfall. Zwar ist die Arbeit aufwändig und großformatig, dennoch fügt sie sich subtil, fast schon selbstverständlich in die Umgebung ein. Chinneck provoziert diese Art von Spannung, die es seiner Meinung nach viel zu wenig gibt. Natürlich erzählt jede Architektur immer eine eigene Geschichte – etwa über die Zeit in der sie entstand. Von wem und für wen gebaut wurde. Ergo definiert sich Architektur in den allermeisten Fällen über einen ganzen Zeitraum. Chinnecks Gebäude jedoch berichten immer über eine kurze, unglaubliche Situation.

Somit sind seine Werke viel mehr, als einfach nur »ortsspezifisch«. Viel eher verändern sie den Ort so eindringlich, dass man ihn von nun an über das Kunstwerk identifiziert: „Lass uns in die Richtung gehen, wo das Haus Kopf steht!“ Seine Arbeiten haben eine große Wirkung auf die Umgebung. Denn bei allem Spaß, entwickelt er ernsthafte, durchdachte Szenarien, in denen sein Humor am besten platziert ist. Ein gut erzählter Witz hängt vor allem vom Timing ab. Bei Chinneck sind es die ausgewählten Orte, an denen seine Werke ihr ganzes Spaßpotenzial entfalten können.

Werk "from the knees of my nose to the belly of my toes" von Alex Chinneck

Die Arbeit mit dem ulkigen Titel »from the knees of my nose to the belly of my toes« ist ein gutes Beispiel. Hier ließ Chinneck eine ganze Hausfassade wie eine weich gewordene Platte an einem vierstöckigen Gebäude herabrutschen. Dabei handelt es sich um ein Haus, welches bereits elf Jahre leer stand – in der englischen Küstenstadt Margate, die unter dem starken Rückgang des einst wichtigen Tourismus leidet und ihre besten Jahre hinter sich hat. Chinnecks Intervention antwortet darauf und hinterlässt nicht nur ein lächelndes Auge. In erster Linie macht der Anblick Spaß, doch mit dem Herunterrutschen der Hausfront wird ebenso die traurige Leere des oberen Stockwerks freigelegt. Wie so oft ist ein Witz eine gute Fassade für die dahinter liegende Melancholie. Denn Chinnecks Arbeit dient nicht einfach der kurzen Belustigung. Der Künstler belebt Architektur mit einer ganzen Bandbreite an Emotionen. Und haucht so selbst verlassenen Gegenden neues Leben ein.

Geberit Referenz-Magazin

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