Was Architekten übers barrierefreie Bad wissen müssen

Was sind die wichtigsten Elemente und baulichen Voraussetzungen beim barrierefreien Bad? Die Architektin und Sachverständige für Barrierefreiheit, Beke Illing-Moritz, erklärt, was Architekten beachten müssen. Da die Gesellschaft älter und barrierefreies Bauen wichtiger wird, kann Expertise ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal sein.

Barrierefreies Badezimmer

Frau Illing-Moritz, barrierefreie Bäder sind im Trend, nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigungen. Warum?

Ein barrierefreies Bad bietet einfach mehr Annehmlichkeiten für alle Menschen, es gewährt mehr Komfort, aber vor allem mehr Platz, um sich dort entspannt bewegen zu können. In einer geräumigen und schwellenlosen Dusche hat man mehr Freiheit und muss nicht in eine beengte Nische steigen. Das Bad wird zur Wohlfühloase. Zusätzlich haben Menschen inzwischen ein größeres Bewusstsein dafür, dass man beispielsweise mit einem rollstuhlgerechten Bad im Fall der Fälle länger zu Hause leben kann. Das trifft auf viele private Bauherren zu. Abgesehen von den rechtlichen Anforderungen sollte beim Bau eines neuen Hauses zumindest der Platzbedarf für ein barrierefreies Bad eingeplant, am besten sollte es aber bereits eingebaut werden. Diese vorausschauende Investition ist nicht nur im Hinblick auf eine langfristige Gebäudenutzung sinnvoll, sondern steigert auch den Wert einer Immobilie.

Vor allem für Menschen mit Beeinträchtigungen ist ein barrierefreies Bad aber absolut unabdingbar. Was sind die wichtigsten Elemente?

Ja, es ist unbedingt nötig für Menschen mit Behinderungen und auch eine Erleichterung für alle anderen. Die rechtlichen Grundlagen unterscheiden sich je nach Bauvorhaben und damit auch die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Der Zweck der Baumaßnahme, die Nutzergruppe und Besonderheiten des Standortes, beziehungsweise Zwänge, die sich aus dem Bestand ergeben, werden zuallererst betrachtet. Der größte Knackpunkt ist baulich meist die geometrische Barrierefreiheit, also der Platzbedarf, und die schwellenlose Erreichbarkeit. Wenn ein Bad zum Beispiel rollstuhlgerecht sein soll, müssen nicht nur Türen breiter ausfallen, sondern auch die Bewegungsflächen vor den einzelnen Elementen wie Waschtisch oder WC größer sein: Da geht man üblicherweise von 1,5 mal 1,5 Metern aus. Aber ein barrierefreies Bad wird ja nicht nur für Menschen gemacht, die mobilitätseingeschränkt sind, sondern beispielweise auch für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Auch Menschen mit Höreinschränkungen möchten im Notfall gewarnt werden. Im Einzelnen beschrieben wird das beispielsweise in Leitfäden der Bayerischen Architektenammer.

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Was muss zum Beispiel beim Waschtisch beachtet werden?

Zusätzlich zu den rechtlichen Anforderungen lassen sich ein paar konkrete Beispiele nennen: Wenn der Waschtisch rollstuhlgerecht sein soll, ist ausreichend Platz davor wichtig und er muss unterfahrbar sein. Außerdem muss man auch auf viele Kleinigkeiten achten: Der Wasserstrahl darf nicht zu stark oder zu heiß eingestellt sein, so dass bei der Benutzung das Wasser nicht auf den Schoß spritzen und der Benutzer vor dem Verbrühen geschützt werden kann. Selbstverständlich sollte hier wie bei allen Armaturen auf Einhandmischer mit einer guten Greifbarkeit geachtet werden. Seifenspender, Handtuchhalter und Mülleimer müssen gut sichtbar und erreichbar angebracht sein. Eine gute Möglichkeit ist zum Beispiel auch, einen Spiegel anzubringen, der von der Waschtischkante bis nach oben reicht. So muss er nicht für jeden Benutzer mit unterschiedlichen Anforderungen verstellt werden. Und auch Kinder, die vielleicht mit im Haushalt leben, können sich im Spiegel betrachten. Wenn Platz ist, ist ein weiterer Wandspiegel im Raum von großem Vorteil: Kurzsichtige Menschen können so direkt an den Spiegel herankommen, was beim Waschtisch durch die Tiefe des Waschbeckens meistens nicht möglich ist. Eine Sitzgelegenheit am Waschtisch ist außerdem nicht nur für ältere Menschen praktisch.

Haltegriffe sind ebenfalls ein wichtiges Element. Was muss man dabei beachten?

Oft werden sie am WC, in der Dusche oder am Waschbecken benötigt. Dabei ist es wichtig, zu beachten, dass die Unterkonstruktion der Wand tragfähig ist und die Last, die auf Haltegriffe oder Wandsitze wirkt, auch halten kann. Bei massiven Wänden ist das kein Problem, Leichtbauwände können die Last nicht tragen. Hier muss in der Planung in den erforderlichen Bereichen beispielsweise durch Platten verstärkt werden. Was vielleicht nicht so bekannt, aber für Rollstuhlfahrer extrem praktisch ist, ist ein horizontaler Griff an der Tür, so dass sie von innen leicht zugezogen werden kann.

Was ist noch wichtig im barrierefreien Bad?

Ganz zentral ist natürlich eine schwellenlos zugängliche Dusche, in die man auch mit einem Duschsitz hineinfahren kann. Auch für ältere Menschen, die sich noch selbstständig bewegen können, ist das natürlich die beste Lösung, weil es kein Hindernis mit zusätzlichem Unfallpotential gibt. Unbedingt zu beachten ist dabei die Abdichtung und eine sinnvolle Positionierung im Raum: Die Dusche sollte so weit weg von der Tür sein, wie es eben möglich ist. Dann hat man eine bessere Möglichkeit, das notwendige Gefälle zu verbauen.

Welche Türen eignen sich für die Dusche am besten?

Am praktischsten sind Schiebe- oder Klappvorrichtungen. Bei entsprechend großen Bädern wird die Dusche heutzutage oft nur durch eine feststehende Wand abgetrennt. Für Menschen mit schlechter Sehfähigkeit sollte diese kontrastreich abgesetzt sein oder durch Glaselemente markiert werden.

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Barriere freies WC Geberit Renova Comfort

Gibt es ergänzende Elemente, die vor allem im öffentlichen Bereich wichtig sind?

Ja, beispielsweise in Schulen oder Veranstaltungsräumen ist immer das Vorhalten einer höhenverstellbaren Pflegeliege im barrierefreien Bad sinnvoll. Diese kann auch klappbar sein. Menschen, die eine Toilette nicht benutzen können, werden ansonsten oft ausgeschlossen.

Auch das Ausrutschen durch nasse Oberflächen birgt im Bad eine Unfallgefahr. Was kann man dagegen tun?

Verbreitet sind überwiegend keramische Bodenbeläge, die mit sehr guten Anti-Rutsch-Eigenschaften angeboten werden. Auch das Erhöhen des Fugenanteils, also der Einsatz kleinerer Fliesen oder Mosaikfliesen, kann helfen. Im Privaten betrachtet man am besten wieder die individuellen Bedürfnisse der Benutzer und wägt ab, welche Rutschfestigkeitsklasse sich am besten eignet. Auch hier sollte man sich an den Vorgaben orientieren, die berücksichtigt werden müssen, sobald Sie den privaten Bereich verlassen. Von Matten oder Vorlegern irgendwelcher Art würde ich im barrierefreien Bad generell absehen: Das ist immer ein Hindernis, das eine zusätzliche Unfallgefahr mit sich bringen kann.

Muss man denn beim Design im barrierefreien Bad Abstriche machen?

Heutzutage ist das überhaupt nicht mehr der Fall. Es muss nicht alles weiß in weiß sein. Mit tollen Materialien und Farben kann man verschiedene Oberflächen kombinieren. In einem barrierefreien Bad hält man sich meist öfter und länger auf, deshalb sollte es ein ansprechender, atmosphärischer Raum zum Wohlfühlen sein.

Die besondere Ausstattung kann auch ins Geld gehen. Gibt es Förderprogramme?

Ja, die gibt es. Unter anderem für Wohnungsbauunternehmen und den privaten Bereich. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat dafür zum Beispiel einen Fördertopf. Das jährliche Fördervolumen ist aber begrenzt und für 2021 schon ausgeschöpft, so dass man sich frühzeitig darum bewerben sollte. Am besten ist es, sich zuerst anzuschauen, an welche Bedingungen die Förderung geknüpft ist und sie dann vor Beauftragung und Baubeginn zu beantragen.

Wie wichtig ist das Wissen zum barrierefreien Bad und Bauen in Zukunft für Architekten?

Es wird immer wichtiger, denn es gibt kaum noch ein Bauvorhaben, das ohne die Betrachtung der Barrierefreiheit auskommt. Einerseits muss der barrierefreie Wohnungsbestand für die älter werdende Gesellschaft in den kommenden Jahren enorm aufgestockt werden. Zudem benötigen alle Projektbeteiligten im öffentlichen Bauen ein umfangreiches Wissen, damit auch im großen vorhandenen Gebäudebestand gelungene Lösungen – sowohl gestalterisch als auch funktional -umgesetzt werden können. Da ist aus meiner Sicht noch viel Potential ungenutzt. Zunächst muss erkannt werden, dass sich nicht nur die Anforderungen – auch gesellschaftlich – verändert haben. Die Standards, die bislang überwiegend im Studium vermittelt wurden, sind überholt und auch die Planungsprozesse haben sich hinsichtlich der Beteiligung verändert. Dieses Bewusstsein ist noch sehr lückenhaft und führt in der Praxis zu vielen Konflikten, auch in der Abwägung mit den Themen Evakuierung und Denkmalschutz.

In Ihrem Lehrauftrag an der HafenCity Universität Hamburg und in Ihren Seminaren geht es auch um inklusives Bauen – ist das mit barrierefreiem Bauen gleichzusetzen?

Nein, barrierefreies Bauen ist aber Teil des inklusiven Bauens. Inklusion kommt ohne Teilhabe nicht aus. Damit ist ein Beteiligungsprozess gemeint, der nicht nur die Belange von Menschen mit Behinderung berücksichtigt, sondern im Optimalfall alle zukünftigen Nutzer einbindet. Immer mehr Projekte, insbesondere öffentliche Bauvorhaben, setzen darauf einen Fokus, um das bestmögliche Ergebnis für alle Beteiligten und eine breitere Akzeptanz zu erreichen.

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