Japanische BäderVom Glauben beseelte Werke

Der Schweizer Architekt und Professor Hans Binder beschäftigt sich seit 30 Jahren mit japanischer Architektur. Die technisch hochwertigen, aber auch ästhetisch ansprechenden Bäder haben in seinen Augen einen besonderen Stellenwert.

Das Baden hat in Japan eine Jahrhunderte alte Tradition. Heißes Wasser aus der Erde galt als etwas Göttliches und Heilendes. Welche Rolle spielt dieser Gedanke noch heute in der Badarchitektur?

Der Glaube, dass alle Dinge und Wesen beseelt sind, ist im japanischen Bewusstsein tief verankert. Im Shintoismus, dem ursprünglichen Glauben der Japaner, gilt Wasser als etwas Transzentendales. Als bewegtes Element ist es von einem starken Geist bewohnt. Der Badekultur in diesem Land liegt eine Tradition zugrunde, die vermutlich auch durch diesen Urglauben, welcher mehr einer Philosophie gleicht, geprägt ist. In den „Ofuros“, den japanischen Badewannen, wird das Baden im privaten Alltag rituell zelebriert. Doch traditionell haben japanische Häuser kein eigenes Ofuro, sondern man ging täglich in ein nach Geschlechtern getrenntes Quartierbad.

Wie ist so ein Bad mit „Ofuro“ aufgebaut?

Meistens sind es kurze und oft reckeckige Wannen, in denen man nicht liegt, sondern kauert. Die Wassertemperatur liegt bei 37 bis 44 Grad, und um die Hitze länger darin zu halten, wird sie isoliert und mit einem Deckel verschlossen. Die ganze Familie badet darin, meistens vor dem Abendessen. Vor dem Eintauchen erfolgt eine ausgedehnte Waschung neben der Wanne: Im bodenebenen Duschbereich außerhalb der Wanne, sitzt man auf einem Schemel und wäscht sich von der Zehenspitze bis zum Haaransatz mit Seife und spült sich gründlich ab. In der japanischen Kultur herrscht ein außerordentliches Hygienebedürfnis. Nie würde man sich ungewaschen in die Wanne setzen!

Wo befinden sich Toilette, Bad und Waschbecken?

Sie befinden sich oft in Kabinen oder hinter Trennwänden. Meistens sind die Bäder auch verhältnismäßig dunkel. Bis ins 20. Jahrhundert verfügten japanische Bäder über kein elektrisches Licht. Das Bad, als Ort der Diskretion, befand sich im hinteren, recht dunklen Teil des Hauses. Noch heute werden die Wannen wie auch die Tempel, Häuser und Möbel oft aus Zedernholz gefertigt, das ist Feuchtigkeits-beständig, und duftet sehr eigen – für mich ist es der urjapanische Duft.

Das Baden erscheint in Japan traditionell und ritualisiert. Dagegen wirken die Toiletten wie aus einem Science-Fiction-Film: das Washlet, eine Art Bidet-Toilette, verfügt über Wasserstrahl, Warmluftgebläse, Massagefunktion und sogar wählbare Musikbegleitung…

Die Toilettentechnik ist wohl in keinem anderen Land der Welt so ausgefeilt wie in Japan. Hier herrscht eine große Affinität für die Perfektion von Maschinen. Diese Entwicklung wurzelt tief in der Vergangenheit: Bis Mitte 19. Jahrhundert lebten die Japaner in einem feudalen mittelalterlichen System. In Europa hatte sich die Modernisierung bis dahin über Jahrhunderte langsam entwickelt. Doch dann, innerhalb von nur zwei Generationen, machte Japan den Quantensprung in die Moderne. Daher ist die japanische Kultur immer noch stark mit der Tradition verbunden, während sie gleichzeitig viel Wert auf modernste Technik legen.

Wird sich diese Art der Technik-Verliebtheit in der europäischen Badarchitektur durchsetzen?

Ich denke, einiges findet seinen Platz – vor allem, das Bad als Wellnessbereich zu verstehen. Aber nicht jedes Element lässt sich für den europäischen Markt übersetzen. Beheizte Toilettenränder lassen sich wegen der Assoziation mit dem vorigen Benutzer schwieriger für den europäischen Markt übersetzen. Auch ein Otohime wird sich vermutlich nicht durchsetzen…

… ein Apparat der die Geräusche bei der Toilettennutzung mit einem Rauschen überdeckt.

Ja, der macht in Japan sicher mehr Sinn. Traditionell bestanden die Häuser ja nur aus Papiertüren und verputzten Holzwänden. Die Geräusche des Nachbarn sind also gut zu hören. Die Toilette, der intimste Bereich des Hauses, befand sich daher ganz hinten im Haus oder im Garten.

Was steht in einem japanischen Bad heute im Mittelpunkt: Funktionalität oder Ästhetik?

Ganz klar Funktionalität.

Seit fast 10 Jahren bieten Sie Bildungsreisen zu Architektur und Kultur nach Japan an – was fasziniert sie besonders an diesem Land?

Die Tatsache, wie sehr Kultur und Architektur mit einem traditionellen und philosophischen Hintergrund verbunden sind. Tokio mag als Megalopolis nicht besonders ästhetisch sein, aber man findet Schönheit in vielen Details. Plötzlich erscheint da ein futuristisches Gebäude oder ein historischer Tempel, der einen tief in die Geschichte des Landes zurückversetzt. Oder sie sitzen in einem furchtbar nichts sagenden Restaurant und dann wird ihnen eine kunstvoll präparierte Sushi-Platte serviert. Ich entdecke überall und immer wieder kleine Details, auch kunstvolle Wasserhähne im Bad oder moderne Washlets zum Beispiel. In Japan findet man Meister des Details. Sie betrachten die Dinge extrem fokussiert. Das Zusammenspiel aus japanischer Lebensart, traditioneller Kultur im Kontrast zur Moderne inspirieren mich jedesmal aufs Neue, wenn ich in dieses eigenartige Land reise.

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